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Eisenberg

„Berlin grüßt Eisenberg!“

EISENBERG: 1961 besuchte Willy Brandt die Stadt und hielt eine Rede auf dem Marktplatz – Heute wäre die SPD-Ikone 100 Jahre alt geworden

Von Hermann Schäfer

Alles war auf den Beinen, als am 14. Juni 1961 Willy Brandt auf seiner Wahlkampfreise in Eisenberg Station machte. Der damalige Berliner Regierende Bürgermeister, der heute seinen 100. Geburtstag feiern könnte, war als SPD-Spitzenkandidat gegen den amtierenden Bundeskanzler Konrad Adenauer angetreten.

Doch erst acht Jahre später erreichte Brandt sein Ziel, und bildete 1969 zusammen mit der FDP die sozialliberale Koalition, nachdem er seit 1966 in der ersten Großen Koalition zwischen CDU und SPD in der Regierung Kiesinger zugleich Vizekanzler und Außenminister war. Einen Tag nach seinem Besuch in Eisenberg verkündete der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, auf einer Pressekonferenz in Berlin: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Keine zwei Monate später beginnt das SED-Regime am 13. August 1961 mit dem Mauerbau durch Berlin. Doch zurück in die Provinz: Einige wenige, aber aussagekräftige Fotos aus dem Archiv des SPD-Ortsvereins dokumentieren die Begeisterung die beim Wahlkampfauftritt des Kanzlerkandidaten im Arbeiterdorf herrschte. Zunächst stattete Brandt dem Bürgermeisteramt einen Besuch ab, wo er von Bürgermeister Josef Diehl offiziell begrüßt wurde. Im alten Sitzungssaal, der heute als Trauzimmer genutzt wird, trug sich im Beisein des Bürgermeisters und des Büroleitenden Beamten Gustav Eichling, Brandt als erster Besucher mit der Zeile „Berlin grüßt Eisenberg“ und seiner Unterschrift ins Goldene Buch der Gemeinde Eisenberg ein.
Im offenen Wagen stehend fuhr Willy Brandt vom Rathaus durch die von Menschenmassen umsäumte Hauptstraße zum Marktplatz, wo er von dicht gedrängt stehenden Zuschauern empfangen und begeistert begrüßt wurde. Geschätzt wurden rund 5000 Teilnehmer. Gezählt hat sie niemand, doch die Fotos von damals belegen die Menschenmenge auf dem Marktplatz. Obwohl das Ereignis jetzt schon mehr als 52 Jahre zurückliegt, können sich Teilnehmer an der Kundgebung auf dem Marktplatz noch an die für Eisenberg historische Begebenheit erinnern.

Begrüßt wurde Brandt von Christel Schäfer, damals noch Fräulein Scheibner. Sie erzählt, dass sie als jüngste Mitarbeiterin im Bürgermeisteramt für diese Aufgabe verpflichtet wurde. An den genauen Wortlaut ihrer kurzen Rede kann sie sich nicht mehr erinnern. Doch sie begrüßte als in Berlin geborenes Mädchen den Berliner Bürgermeister in ihrer neuen Heimat, im weiteren Verlauf habe sie sich vor lauter Aufregung versprochen, was ihr der hohe Besuch jedoch nicht übel genommen habe. Das Papierfähnchen mit dem Berliner Bär und dem Autogramm Willy Brandts habe sie seitdem gut aufgehoben.

Auch Manfred Joos berichtet, dass der Marktplatz „gerammelt voll“ war. „Alles, was Rang und Namen hatte, war mit dabei und es war richtig was los“, erinnert sich der 79-Jährige. Der Spielmannszug habe für die musikalische Unterhaltung gesorgt und die Rednertribüne war auf der Nordseite des Markplatzes in unmittelbarer Nachbarschaft der Kreissparkasse aufgebaut. Horst Krauß war damals 21 Jahre alt und erinnert sich an den Empfang im Rathaus mit dem Eintrag ins Goldene Buch. Brandt habe auf der Rathaustreppe ein paar Worte an die Zuschauer gerichtet und ist dann zur Kundgebung auf den Marktplatz gefahren.

Der Kerzenheimer Bürgermeister Alfred Wöllner war 13 Jahre alt und spricht noch heute von einer „tollen Sache und einer beeindruckenden Menschenmenge“ auf dem Marktplatz, obwohl er als Kind zu dieser Zeit nicht alles verstanden habe, was da vor sich ging. Brandt habe sich hautnah und ganz frei unter den Menschen bewegt. An heutige Sicherheitsvorkehrungen, Personenschutz und Angst vor Attentaten sei damals nicht zu denken gewesen, so Wöllner. Auch der Staufer Ulf Adam, der kurz zuvor seine Lehre in der Schreinerei der Firma Gienanth begonnen hatte, hat sich den berühmten Besuch nicht entgehen lassen und handelte sich dafür einen Rüffel von seinem Meister Ludwig Wolf ein, weil er ohne sich abzumelden seinen Arbeitsplatz verlassen hatte. Doch fast die gesamte Belegschaft ging zur Kundgebung, „da bin ich halt auch mitgegangen“, so Adam. Er habe bei dem „Mordsauflauf“ auf dem Marktplatz „ziemlich hinten gestanden“, aber trotzdem die Rednertribüne sehen können. Was im Einzelnen gesprochen wurde, daran kann sich Adam wie auch die anderen Zeitzeugen nicht mehr im Detail erinnern, doch allen gemeinsam ist noch der imposante Gesamteindruck, den die Veranstaltung vor über einem halben Jahrhundert bei ihnen hinterlassen hat.

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz - Unterhaardter Rundschau - Nr. 293
Datum Dienstag, den 17. Dezember 2013
Seite 17

Willy Brandt 100. Geburtstag - Erinnerung an den 14.06.1961 in Eisenberg